Der Glockensachverständige der Landeskirche Andreas Philipp erklärt das Geläut der Hamelner Marktkirche.

Schulpastorin Michaela Engelmann mit ihrer Berufschulklasse bei der Glockenführung.

Berufsschüler/innen entdecken bei Klangexperimenten die Läutemotive der Hamelner Marktkirche.

Wie ein Projekt der Landeskirche Musikvermittlung in Kindertagesstätten intensivieren möchte

Christliche Musikkultur neu entdecken

10. Nov 2015 | Pressemitteilung

Hameln. Manchen Hamelnern ist bestimmt aufgefallen, dass kürzlich der Uhrschlag der Marktkirche stumm blieb, dafür mitten am Tage plötzlich volles Geläut ertönte. Dabei handelte es sich nicht um einen technischen Defekt, sondern um eine Inszenierung im Rahmen einer Glockenführung für Schüler der Elisabeth-Selbert-Schule.

Die angehenden Sozialassistenten nehmen am Wahlpflichtkurs „Musikvermittlung“ unter Leitung von Musikpädagogin Silke Lindenschmidt und Schulpastorin Dr. Michaela Engelmann teil. „Weil jungen, an Musik so interessierten Menschen die Tradition der Kirchenmusik abhanden kommt, möchten wir sie neu mit diesem wesentlichen Element der christlich-kirchlichen Kultur vertraut machen”, so Lindenschmidt. Die ehemalige Landesposaunenwartin leitet VISION KIRCHENMUSIK, ein auf zweieinhalb Jahre angelegtes Modellprojekt für Musikvermittlung der Landeskirche Hannovers. Um ein breites Spektrum musikalischen Kirchenerlebens und viele Anregungen zu bieten, begleiten Gastreferenten wie Andreas Philipp den vom Kirchenkreis Hameln-Pyrmont finanziell geförderten Kurs. Für den Glockensachverständigen der Landeskirche ist es eine Premiere jungen Menschen die „als Stimmen eines Ortes wahrgenommenen“ Glocken nahezubringen.

Auf halber Höhe des Kirchturms weist er in der Glockenstube auf die technische Ausrüstung hin, die jede der Glocken in Bewegung setzt. Die kleinste Glocke stammt von 1462, die vier größeren aus den 50er Jahren. Philipp berichtet von der Glockenherstellung, den eingearbeiteten Schriften und Bildern und dem Gewicht (insgesamt 2,6 Tonnen). Er erzählt von den Anfängen der Glockengusskunst, dem Transport und lebensgefährlichen Aufhängen der Instrumente und erinnert daran, dass Glocken in Kriegszeiten oft zu Kanonen eingeschmolzen wurden – so auch in Hameln.
Unter Maschendrahtzaun hindurch gelangt er zu den Glocken, schlägt einen Klöppel an die Glockenwand und schon ertönt der typische Klang. Dann zeigt er, wie er bei der Ausübung seines Berufes vorgeht: mit Stimmgabeln mit verstellbaren Gewichten. „Damit kann ich bei einer Glocke zehn oder mehr Töne anregen“, betont der Fachmann und erklärt, dass die fünf Hamelner Glocken aus dem Dur-Geläut f – g – a – c – d bestehen und sich daraus 31 unterschiedlich zusammengestellte Teilgeläut-Motive ergeben. Am Ende schaltet Philipp die Technik wieder an und lässt einen Dur-Dreiklang läuten. Die Schüler halten sich die Ohren zu und staunen.

„Das ist richtig toll, ansonsten geht man durch die Stadt und hört die Glocken nur so nebenbei“, sagt Tabea (21) und ergänzt: „Ich finde sie laut, aber auch nicht so laut – unvorstellbar, dass man sie in der ganzen Innenstadt hört.“ „Die Glockenführung hat viel Spaß gemacht“, meint Dana (17) und fügt hinzu: „Draußen hört sich alles so gedämpft an, auf dem Kirchturm klingt das viel klarer, geht durch den ganzen Körper – ich hatte richtig Gänsehaut, so beeindruckend war das.“

Von Silke Lindenschmidt erfahren die Jugendlichen, dass Kirchenglocken wie ein Signal wirken, zu bestimmten Anlässen läuten und dass es in jeder Kirchengemeinde eine Läuteordnung gibt. In zwei Gruppen aufgeteilt werden klangakustische Experimente im Kirchraum durchgeführt: Mit Klangstäben werden die fünf Töne des Hamelner Geläuts in einem Hör-Spiel erfahrbar, bei dem die Schüler mit geschlossenen Augen ihr Gehör trainieren und versuchen herauszuhören, wie viele Töne gleichzeitig erklingen und wo sich höchster und tiefer Ton im Raum befinden. Danach improvisieren sie gemeinsam auf Xylophonen und Metallophonen mit dem Tonmaterial von „Bruder Jakob“, dessen Anfang wieder drei Töne der Hamelner Glocken aufgreift. Zum Abschluss spielen sie unter dem Dirigat der Musikpädagogin den Kanon in freier und klassischer Form und es entwickelt sich ein klangvolles Arrangement, bei dem sich auch die mit Musikinstrumenten Unerfahrenen konzentriert einbringen.
„Da in Kindergärten immer weniger Musikvermittlung stattfindet, möchten wir über unsere musikalische Kursreise durch das Kirchenjahr die zukünftigen Erzieher auf diesem Gebiet fit machen“, betont Schulpastorin Engelmann. Als große Chance für sie bezeichnet Schulleiterin Gisela Grimme die Möglichkeit, sich so intensiv mit Kirchenmusik und ihrer Vermittlung im Kindergarten zu beschäftigen. „Musik macht froh und regt den Verstand an – eine tolle Idee, von der die Kinder in den Kindertagesstätten profitieren werden“, ergänzt Superintendent Philipp Meyer.
Im zweiten Schulhalbjahr wird der Schwerpunkt im Unterricht darauf liegen, das Erlebte in die Praxis zu übertragen und Methoden zur kindgerechten Begegnung mit Kirchenmusik zu erarbeiten.

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